Manifest des SPUNK – So tönt die Welt der Maja S.K. Ratkje (DE)

Über ein Konzert von Maja S.K. Ratkje im Voraus einen Programmtext zu schreiben, ist eigentlich gar nicht möglich. Weder ist ihrer Musik – Ist es „Musik“? – mit einer klassischen Werkbesprechung beizukommen, noch ist klar, in welche Klangregionen die Norwegerin überhaupt aufbrechen wird. Ein Kommentar der New Yorker Downtown Music Gallery bringt denkbar knapp auf den Punkt, was diese eigensinnige Frau zu sagen hat: „Maja Solveig Kjelstrup Ratkje is a Norwegian based musician who utilizes voice, electronics – and her compositions – extremely well in any scenario.“

MajaRatkjeBlitzDie experimentelle Kunst von Ratkje ist bereits auf zahlreichen Einspielungen dokumentiert. Am Faszinierendsten und Spannendsten ist es jedoch, sie live als Solokünstlerin oder mit einem ihrer Ensembles wie SPUNK zu erleben. All das, was sie mit ihren feinen Antennen wahrnimmt und aufspürt, scheint sie direkt in Klang umzusetzen. Sie plappert, quasselt, singt, quietscht, fabuliert, tönt, schreit, krächzt und faucht, als gäbe es kein Morgen. Ist das Musik oder Theater, Komödie oder Trauerspiel, Kunst oder Kitsch, Dada oder Gaga, modern oder postmodern? Sagen wir mal, das ist das Leben, der Sound unserer Zeit. Ratkje lässt sich von dem inspirieren, was um uns herum tagtäglich passiert und bietet der tönenden Kulisse der Gegenwart die perfekte Plattform. Am liebsten tut sie das ganz pur mit ihrer eigenen Stimme, die von grummeligen Tiefen bis zu ätherischen Höhen, von knarzigen Geräuschen bis zu engelsgleichen Tönen alles parat hat, was die menschlichen Stimmbänder zu produzieren vermögen. Doch damit nicht genug: Ein Arsenal elektronischer Effektgeräte bildet den verlängerten Arm ihrer Stimme – nicht, um von irgendeiner Schwäche abzulenken, sondern um ihr noch mehr Ausdrucksstärke zu verleihen.

Warum sie für sich diese Form des Ausdrucks entwickelt hat, hielt Ratkje in ihrem bereits 1999 publizierten „Manifesto“ fest. Darin beklagt sie die Diskrepanz zwischen der Individualität als kostbarstem gesellschaftlichem Gut und der Angst, den Anforderungen des Marktes nicht zu entsprechen: „One result of making all values subjective is that nobody dares to put the finger on anything, without first excusing his or her own taste. In this way, the cultural life looses its strength of character, and the market forces can set the rules oft he game, when it comes to fulfilling the demands of the consumers.“

Ratkje hingegen will klare Kante zeigen, die Dinge beim Namen nennen, und sie folgt dabei ganz einfachen Regeln: „Musik muss stark sein“, schreibt sie in ihrem Manifest, und Musik muss „mit dem Rhythmus der Zeit gehen“, d.h. aus ihr müssen die eigenen Erfahrungen des Künstlers sprechen, der im Idealfall immer Komponist und Musiker zugleich sein sollte. Nur dann ist Musik wahrhaftig. Ratkje folgt dabei ihrer Superheldin Pippi Langstrumpf: „Niemand ist besser als Pippi Langstrumpf. Sie ist ein kleines Mädchen, das alleine lebt. Vollkommen anarchistisch, wenn es um Verhaltensregeln geht, lässt sie sich von niemandem sagen, wann sie ins Bett zu gehen hat, wann und was sie essen soll. Tief drinnen ist sie ein Engel“, beschrieb Ratkje ihr Vorbild in einem Interview. Pippis mysteriöse Entdeckung SPUNK leiht seinen Namen auch Ratkjes vierköpfigem Improvisationsensemble, das vor allem eines sein will – hochgradig neugierig und unbefangen: „In einem Buch stolpert Pippi über dieses Wort und wundert sich, was es wohl bedeutet. Als geht sie los, um es herauszufinden.“

In die Welt losziehen, Dinge, Erfahrungen und Begegnungen sammeln, alles miteinander vermengen und damit auf der Bühne was zaubern: Diese Art von Klangkunst erfordert eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und den Mut, Schutz und Sicherheit bietende Regeln abzustreifen. In jedem Konzert arbeitet Ratkje von Neuem an ihrem bunt schillernden Klangmosaik, welches das Grundrauschen der Gegenwart in den schönsten und bizarrsten Farben zum Leuchten bringt.

Miriam Weiss, for the program of Lockenhaus Kammermusikfest 2018

photo by Gisle Nataas at Blitz 2018

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