„Jede Musik ist politisch – ob man will oder nicht“ (DE)

Südkurier:

Bei den NowJazz-Sessions der Donaueschinger Musiktage wird es traditionsgemäß ein bisschen wild. Diesmal spielen unter anderem vier norwegischen Frauen namens „Spunk“ frei improvisierte Geräuschkunst.

Sie haben zwei kleine Töchter. Wie finden die Ihre Musik?

Sie haben seit ihrer Geburt viel gehört, auch viel von dem, was ich mache. Und sie fragen nicht danach, ob irgendetwas davon irgendwelche Grenzen überschreitet. Anders als manche dumme Erwachsene.

Ist Neue Musik für Kinder denn nicht zu schwierig? Oder umgekehrt: Sollte Musik für Kinder nicht „schön“ sein?

Das ist eine völlig irrelevante Frage. Ich mache ja Musik für Kinder ab dem Babyalter. Kinder haben nicht dieses Bedürfnis wie Erwachsene, zwischen Musik und anderen Lauten zu unterscheiden. Sie haben sogar ein sehr ursprüngliches Interesse an Klängen und Kompositionen, die ganz andere Qualitäten haben als all das Fischer-Price-Höllenspielzeug.

Ist Ihre Musik politisch?

Manchmal hat meine Musik eine klare politische Agenda, ja. „Desibel“ zum Beispiel (ein Landschafts-Musik-Projekt mit den größten Horn-Lautsprechern der Welt, Anm. d. Redaktion) war als Protest gegen den Bergbaubetrieb im schönen norwegischen Örtchen Vevring angelegt. Die Konzert-Installation „Birds & Traces“ ist ein Beitrag zum Klimaschutz. Trotzdem gibt es eher selten eine eindeutige „Botschaft“ hinter meinen Werken.

Ist Musik an sich also eine eher unpolitische Kunst?

Man kann natürlich darin schon eine politische Botschaft sehen, dass man möglichst großen Abstand zur kommerziellen, massenproduzierten Musik hält. In unserer konformen, marktgesteuerten Gesellschaft ist es ja durchaus eine politische Handlung, Andersartigkeit zu zeigen und zu fordern. Im besten Fall führt das dazu, dass Leute ihre Augen und Ohren öffnen und anfangen, selbst in der Welt zu agieren, gegen falsche Selbstgefälligkeit oder Umweltzerstörung zum Beispiel. Gar keine Haltung als Musiker einzunehmen ist genauso konfliktreich. Also ist wohl jede Musik politisch, ob man will oder nicht. Ich wünsche mir, dass meine Musik etwas bedeutet, aber sie muss reich und offen für Deutungen bleiben.

Auf die improvisierte Musik, die Sie mit Ihrem Quartett Spunk spielen, trifft das ganz besonders zu…

Spunk besteht seit 1995. Zu Beginn haben wir mit Rahmen und Strukturen für unsere Improvisationen gearbeitet. Heute ist die Musik völlig frei. Es gibt keine Absprachen, keine ausgesprochenen Ideen. Auch das Instrumentarium aus Stimme, Horn, Trompete/Flöte und Cello ändert sich ständig. Jeder darf an musikalischem Ballast mitbringen, was er will. Dass unsere Musik offen für Deutungen ist, heißt ja nicht, dass sie keinen Charakter hätte! Sie ist voller Leben, und das ist bekanntermaßen voll von Kontrasten, von Ruhe und Unruhe.

Sie arbeiten viel mit Elektronik, mit Effektgeräten und Computer-Software – ist das nicht eine sehr umständliche Art, Musik zu machen?

Mir ist wichtig, dass meine Stimme allein immer das ausdrücken kann, was ich sagen will. Das Elektronische ist nur eine Verlängerung dessen, was ich im Ausdruck suche. Das hat sich über die Jahre entwickelt. Auch mein Live-Setup ändert sich ständig, damit ich nicht in einer bestimmten Art, Musik zu machen, erstarre.

Sie sind ja nicht nur Sängerin, sondern auch Komponistin, Festivalgründerin, Musikpädagogin – in Deutschland ist das ziemlich unüblich. Ist für Sie die Unterscheidung zwischen komponierter und improvisierter Musik oder zwischen „ernster“ und „Unterhaltungsmusik“ sinnvoll?

Ich finde diese Trennungen unglaublich reaktionär. Als ich an der Musikhochschule Komposition studierte, bestanden diese Unterscheidungen auch für mich – heute aber zum Glück nicht mehr. Ich bin ja dieselbe Person, egal ob ich improvisiere oder komponiere. Ich arbeite mit denselben ästhetischen Problemstellungen. Meine Zeit teile ich so ein, dass ich etwa zur Hälfte komponiere und zur Hälfte improvisiere.

Da gibt es gar keine Unterschiede?

Wenn ich komponiere, beschäftige ich mich viel mit der Form. Ich habe neulich ein Streichquartett geschrieben und dafür lange Beethoven-Partituren studiert. Das färbt darauf ab, wie ich improvisiere – und umgekehrt. Bei der Improvisation wiederum bewirkt das fein abgestimmte Zusammenspiel mit anderen Musikern, dass ich Teil einer größeren Gesamtheit werden kann. Die Musik erstreckt sich dann in Bereiche, die ich allein nie aufgesucht hätte. Das ist ja überhaupt das Schönste am Improvisieren: Mit anderen zu spielen. Dabei geschehen unerwartete Dinge.

Fragen und Übersetzung aus dem Norwegischen: Sebastian Pantel
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