Krawallmacherin mit Zahnbürsten (DE)

TRANSART: conTakt percussion group, Manuela Kerermit ihrer Komposition für zehn Zahnbürsten und Sängerin Maja Ratkje

Dolomiten Samstad/Sonntag 9./10. oktober 2010
von Margit Oberhammer.

BOZEN. An manchen Tagen greift man lieber zur mechanischen Zahnbürste, einfach, weil man keine Lust hat auf die Geräusche im Kopf. Aber vielleicht ändert sich diese Gewohnheit nach der Uraufführung der Komposition für zehn elektrische Zahnbürsten. Es gibt Menschen, die das Geräusch von Elektromotoren in Verzückung versetzt und andere, die es eher in die Verzweiflung treibt. Gehört man zur letzteren Spezies, kann man sich beim Anhören der Komposition von Manuela Kerer damit trösten, dass sie sehr leise ist. Wenn schon keine Melodien, so erzeugen die geschwinden Umdrehungen der kleinen Geräte immerhin Obertöne. Angenehme und beruhigende. Aber dazu muss man die Bürsten in den Mund halten. Die Percussionisten der Gruppe conTakt tun dies mit jeweils zwei Stücken, erproben die Schwingungen auf der Zunge, stimmen die kurzen und langen Klänge in exakten Rhythmen aufeinander ab, stellen ein paar weitere Experimente an. Sie umfassen den unteren Teil der Zahnbürste mit den Händen und lassen sie dumpf und tief klingen. Gerät Zahnpasta in den Motor, beginnt er zu scharren. Das geschieht nur zuhause, nicht in der Komposition. In Manuela Kerers witzigem Experiment werden keine Zähne geputzt, sondern Klänge erzeugt. Deshalb muss gebohrt werden – zumindest haben die gewaltigen Stimmkünste von Maja Ratkje derlei Assoziationen geweckt. Mit gurgelnder Tiefe und schmerzlich hohen Tonfrequenzenmischt sich die norwegische Stimmkünstlerin in die Zahnbürsten- Performance ein. Im zweiten Teil gibt sie mehr von sich und ihrer Stimme preis. Während es in Manuela Kerers lustigem Gag nicht allzu viel hinein oder heraus zu hören gibt und es auch in Maja Ratkjes Komposition für Percussionisten eher um Klangunterschiede zwischen Rasseln, Trommeln, Glocken, Pauken und Triangeln geht, öffnet sich in der stimmlichen Solodarbietung der norwegischen Künstlerin eine ganze Welt.

Das Miteinander, Ineinander und Übereinander von natürlichen und gesampelten Tönen, die vielfache Abstufung in der elektronischen Verstärkung geben eine Ahnung davon, dass die Welt Klang ist. Landschaften aus Klängen bauen sich auf, große Echoräume entstehen. Dazwischen werden die Gehörnerven mit zarten zwitschernden Tönen gekitzelt und mit volksliedhaften Dreiklängen gestreichelt. Die Schallwellen erzeugen Bewegung, bringen Boden und Sessel in der Laurinbar zum Vibrieren. Der Schall pflanzt sich fort wie vielleicht in derMeerestiefe oder im Äther. Die Klangspezialisten sagen uns, dass Rufe, Schreie und Gesänge anders klingen, je nachdem, ob es Tag oder Nacht ist, je nachdem, ob sie zwischen Felswänden oder in der Wüste produziert werden. Hört man Maja Ratkje zu, ist es Tag und Nacht, Bergspitze und Meerestiefe.

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