Kantarell reviews in German

Zu meiner eigenen Verwunderung ist Kantarell (RCD 2085) mein First Date mit SPUNK. Zwar kannte ich Maja Ratkje und ihre elektrifizierte   Vokalisation von den Ballads mit John Hegre und die Cellistin Lene Grenager zusammen mit Hild Sofie Tafjord und ihrem Waldhorn von ihrem   JetztMusik-Quartett Lemur. Aber hinsichtlich Kristin Andersens Trompetenspiel und der Experimentierlust dieses Frauenvierers als solchem waremeine Ohren bisher jungfräulich, obwohl das schon ihr viertes Studioalbum ist seit ihren Anfängen vor 12 Jahren. Ihre Kammermusik klingt mehr nach Labor als nach guter Stube, die Instrumente werden mit Extended Techniques bis in letzte Klangnuancen ausgereizt, zudem ist da allerhand Etcetera im Spiel. Die Stimme ist lediglich ein geräuschhaftes Ingredienz, ein meist ungreifbares viertes, ja fünftes Element inmitten starker Verstromung und Verstrahlung. Wenn ‚quadralogue‘ unvermutet unplugged plinkplonkt, fällt das prompt aus dem Rahmen. Alle Vier haben die horizontsprengenden Innovationen Neuer Musik aufgesaugt, Ratkje studierte bei Gubaidulina, Andriessen, K. Huber und Saariaho, Grenager bei Xenakis und Ferneyhough. Das fand seinen Niederschlag in der Courage zu bruitistischer Klangmalerei, die mit Tonalität, gepflegter Spielweise und klassischen Formen aufräumt zugunsten einer unberechenbaren, überkomplexen Sinnlichkeit, die bei allen flächigen Parametern, aller Arhythmik, doch maximalistisch ansetzt bis hin zu ohrenbetäubendem Getriller bei ‚antisolar point‘. Als würden unhörbare Strahlenformen hörbar, wird der Wahrnehmungsapparat beschossen mit Schauern von Wellen und Teilchen, so sehr, dass man am Ende, ‚eaten‘ genannt, die Englein singen hört. Dass man zwischendurch einige Nebelbänke ertragen muss im Vertrauen auf die Anziehungskraft des Ewig-Weiblichen und in lustvoller Erwartung von Rutenschlägen, die mit dem Cellobogen verabreicht werden, sei nicht verschwiegen. Die Treue wird jedoch mit ‚mosegrodd‘ belohnt und ‚eaten‘ klingt ja auch fast wie Eden.
Bad Alchemy (DE)

In perfekter Balance an der Schnittstelle von elektronischer und akustischer Klangwelten bewegt sich dieses Langzeitquartett auf seinem bereits vierten Album. Das hat zur Folge, dass die Herkünfte der Sounds nicht nachvollziehbar sind und bei allem Schwergewicht in der Schwebe bleiben…. Resultat: ein sperriges, in seiner Sperrigkeit lustvolles, offensives Album.
Freistil

Labormusik? Science Fiction? Die anfänglichen unbestimmten elektronischen Sounds werden erst durch den Cello-Einsatz Lene Grenagers organisch, fühlbar, musikalisch. Davor könnten die von Maja Solveig Kjelstrup Ratkje erschaffenen elektronischen Klänge dem Gehirn eines forschenden Wissenschaftlers entnommen worden sein (wie auch immer), aus einer unergründlichen Fabrikanlage oder von den Geräuschen stammen, die taubstumme Menschen beim Verschieben schwerer Metalltische auf Betonboden verursachen. Taubstumm, weil hörende Menschen diese Geräusche nicht ertragen würden. Nicht, dass die – eher ambienten – Klänge des Quartetts Spunk, das seit 12 Jahren zusammenarbeitet, nicht zu ertragen sind. Doch einzelne Passagen, überlaut abgespielt, würden den Hörsinn lähmen und zu Schmerzen führen. Die zähen und dynamischen, atonalen und harmonischen Klänge in ihrem Nebeneinander und ihrer Verschmelzung ergeben als Ganzes Musik, einzelne Parts aus den “Songs” herausgerissen haben manchmal gar humorigen bis skurrilen, zumeist aber überwirklich schmerzenden Charakter. Kristin Andersen (tr) und Hild Sofie Tafjord (fr-h) ergänzen das Line-Up, die Elektronikerin Ratkje fügt den verzauberten Klängen ihren ungewöhnlichen “Gesang” hinzu. Für derlei Akustik ungewohnte Musikhörer scheint es gewiss zu klingen, als hätte eine Band ihr Mikrofon nicht richtig verpackt, schlüge auf den Boden, kratze über Oberflächen und Instrumente, baumele durch die Luft und was es einfängt, ist von zufälligem Charakter. Freunde außergewöhnlicher Klänge, die atonale Sounds und irrationale Harmonien lieben, werden – mit geschulten Ohren – ganz andere Erlebnisse haben. Spunk haben Humor. Sie lieben Krach wie Stille, ihre Sounds scheinen nicht aufgesetzt, künstlich, sondern geradezu organisch, gewachsen, von intimer Lyrik. Das Quartett scheint einen irren Spaß daran zu haben, diese improvisativ wirkenden, komisch eigenwilligen und radikal extramelodischen Klänge zu erfinden. Wie nur werden diese Songs klingen, wenn das Quartett sie live auf der Bühne aufführt? Gibt es eine komponierte Linie, einen Harmoniefaden? Oder wachsen die Songs aus augenblicklicher Inspiration? Letzteres scheint der Fall zu sein. Gewiss könnte “Kantarell” mit Free Jazz verglichen werden, was die Extravaganz und Radikalität bedeutet. Musikalische Vergleiche dazu gibt es jedoch nur wenig. Zwei der vier Damen sind Jazzmusikerinnen, die beiden anderen zwischen Moderner Klassik, Neuer Musik und Avantgarde orientiert. Spunk ist jedoch kein Mittelpunkt der vier Basispunkte der Musikerinnen, eher die Abstraktion dessen. Die Covergestaltung ist interessant wie die Musik, während auf dem Cover noch ein umgestülpter Pudding zu sehen sein könnte, entpuppt sich das Backcover als nackter Popo, was wiederum die Abbildung auf dem Frontcover zu einer weiblichen Brust (in der Draufsicht) macht? Auf den Innenseiten darf die Phantasie weitere potentielle Körperteile entdecken. Kein leichtes Werk, kein Quatsch, kein Stumpfsinn, was Spunk mit “Kantarell” anbieten. Eine Klangreise ins Unbewusste, die selbst in lauten und überlauten Momenten ihren ambienten Charakter behält.
Ragazzi

Längst hat es die Klassik dem Pop vorgemacht. Immer dann, wenn die Klassik zu stagnieren schien, verursachte ein Komponist einen Skandal, da er eine vermeintliche musikalische Konvention überschritt, die anschließend jedoch vom Künstlertum schnell aufgegriffen wurde. Das war bei Palestrina, Wagner, Ravel, Schönberg und Cage der Fall und machte auch vor den Elektronikpionieren wie Stockhausen nicht Halt. Sie alle waren Impulsgeber innerhalb ihrer künstlerischen Epoche. Überspitzt formuliert ist die größte Revolution innerhalb der Entwicklung der Popmusik lediglich die Erfindung der Mehrspuraufnahme, abgesehen von elektronischen, verstärkten Instrumenten, doch die Harmonik, in der sich die Popmusik bewegt, hat bis heute keine spürbare Weiterentwicklung erfahren. Heutzutage ist die Zeit knapp, die Gesellschaft maßregelt zur Geschwindigkeit und lässt selten die Muße zu, Körper und Sinnesorgane verweilen zu lassen. Übertragen auf den Umgang mit der Musik heißt das oft: Konsum: ja – Auseinandersetzung mit ihrem Inhalt: nein. Künstler, die ein anderes Rezeptionsverhalten anstreben, haben es in der Regel schwer und ihnen bleibt oft wenig mehr als die Anerkennung der Feuilletons und einer kleinen Gruppe von Interessierten. Für die Plattenfirmen sind es Künstler ohne Aussicht auf finanziellen Erfolg, für die meisten Hörer Räuber der Harmonie. Doch Musik trägt es eben nicht in sich, immer nur harmonisch und schön sein zu müssen. Dass ein Werk Bergs, von Weberns oder Pendereckis deutlich dissonanter und zerstörischer ist oder zumindest sein kann, als sämtliche Death-Metal-, Grind- oder Hardcore-Scheiben, ist den Wenigsten bewusst. Die scheinbare Anarchie der Töne, das Verlassen gewohnter, tonaler, hierarchisch geordneter Strukturen erzeugt Stress für das ungeübte Gehör. Das Label Rune Grammofon unterwirft sich nicht starren Strukturen der Erwartungshaltung der Allgemeinheit. Das für seine Qualität und Bandbreite bekannte Label, mag den Fokus zwar eher auf popmusikalische Dimensionen legen, veröffentlicht aber gerne auch mehr experimentelle Klangkünstler. So wie auch Spunk, die eben keine Musik im bekannten Popsinne machen. Ein Metrum zur zeitlichen Orientierung ist Fehlanzeige, Betonungen hinfällig. Hier weht ein starker Orkan aus Sounds, deren Basis weder rein akustischer Natur noch rein elektronischer Erzeugung zugeschrieben werden kann. Die “Band”, bestehend aus Maja Ratkje, Lene Grenager, Hild Sofie Tafjord und Kristin Anderson kennt keine Barrieren – selbst Freejazz wirkt strukturierter als die Machenschaften des weiblichen Quartetts. Kantarell, das bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht brachial und anarchisch scheinende vierte Werk Spunks, ist allerdings beileibe kein Zufallsprodukt. Es dürfte zwar für viele jenseits ihre bisherigen auditiven Erfahrungen liegen, birgt aber gleichzeitig soviel künstlerisches Potenzial, dass eine Einlassung mehr als lohnend ist. Die Zeit fließt unbemerkt und unzählbar vorbei und wird vollends zur Nebensache. Nur die Uhr hat die Vollmacht, die Rolle der Objektivität auszufüllen. Doch die ist eben nicht Teil der Musik. Sie umschlingt höchstens das Handgelenk des Hörers und zeigt nach 46,7 Minuten an, dass der schwerelose – nicht unbedingt mit Leichtigkeit gefüllte – Traum durch angriffslustige Frequenzen beendet ist. Sich für dieses Album Zeit zu nehmen, das deutlich jenseits gängiger Pop-Konventionen angesiedelt ist, mag für Manchen ein Experiment sein. In jedem Fall ist es aber ein das Bewusst-Sein erweiterndes.
Alternative Nation

Puh, was für ein Album. Dafür muss man schon aufgelegt sein. Klar, es sollte einem klar sein, dass jetzt nicht Rondo Veneziano kommt, wenn Maja Ratkje bei den Ausführenden aufgeführt ist. Aber »KANTARELL« hat es selbst für gehobene Maßstäbe in sich. Bläser, Cello, eine Akrobatikstimme, Elektronik und noch so allerlei – das Damenquartett macht eine Musik, die nach höllisch komplizierten Partituren Neuer Musik klingt, aber trotzdem reine Kollektivimprovisation ist – wenn man so will die musikalische Königsgattung der Klangerzeugung. Die vier verstehen sich auf ihrem vierten Album ohrenscheinlich bestens – und haben ein Level der Kommunikation erreicht, auf dem sie das Bedürfnis haben, leiser zu werden. Krach machen ist einfach. Das Zerstäuben und Zerfasern von Klang, ohne dass das in Beliebigkeit oder Langeweile umschlägt, das ist die Kunst. Und so kann man sich mit viel Konzentration, möglichst geschlossenen Augen und in einem außer den Lautsprechern klangdichten Raum doch wunderbar in die fremdartige und so seltsam störrische Musik der Norwegerinnen hineinhören. Was sich – wie immer – lohnt. Was aber selten so anstrengend ist. (sep)
Nordische Musik

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